Band: IV

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In Band IV liegen die Seitenzahlen zwischen 5 und 1032.
Einleitung. 9
Was wir jahrelang suchten, haben wir erst in ganz letzter Stunde
gefunden: das unter dem Namen: „Il rodel de Pigneu“ bekannte
alte Kinderlied, das offenbar Überreste uralter Formeln aufweist. Diejenigen,
… die noch sicher und vollständig dieses Lied sowie das Sennenlied
„L' Ave Maria dils signuns“ kennen, werden von Jahr zu Jahr seltener,
bis auch diese alten Erbgüter mit dem letzten Wissenden an die „heilige
Erde“, wie die Rätoromanen die Altmutter nennen, zurückgegeben werden.
Mit den alten Leuten verschwindet allgemach der Schatz von Sagen und
Märchen, Liedern und Sprüchen. Heute wäre es sehr schwierig, eine wenn
auch geringe Anzahl von Märchen zu sammeln; klingt es ja dem jungen
Geschlechte wie ein Märchen, wenn man behauptet, es hätte einmal rätoromanische
… Märchen gegeben! Das stattliche Haus in Crestas, wo wir die
ersten rätoromanischen Märchen sammelten, wo die Hausfrau so sicher und
schön das Märchen von dem Drachentöter erzählte und jenes andere
vom Raben, das Sophus Bugge allein neben einem neapolitanischen Märchen
als ein Beispiel einer lösenden und befreienden Kraft der Tränen aus der
weltweiten Märchenwelt in seinen Untersuchungen über die Entstehung der
nordischen Götter- und Heldensagen anführt; wir wiederholen es wehmütig:
… jenes Märchenheim ist zerfallen. Und selten geworden sind die
Bäuerinnen, die abends dem andächtig lauschenden Kreise noch Märchen
erzählen.
Wie oft wies uns eine alte Märchenerzählerin auf eine Freundin, die
dieses oder jenes Märchen wüsste. Hatten wir dann eine Tagreise zurückgelegt,
… um jene andere Märchenfrau aufzusuchen, welch stilles Glück war
es dann, beim Flimmern der Unschlittkerze ein neues Märchen erlauschen
und aufschreiben zu können! An freudigen Überraschungen fehlte es
nicht; so, wenn eine Bauersfrau in einem oberländischen Dörfchen plötzlich
vom Julierberg und den drei Winden zu erzählen begann. Besonders waren
es die Frauen, die Bauerstochter, die neben ihrem Gebetbuche wenige
Bücher kennt, wie das Fräulein, das die Dichter der grossen Nachbarvölker
… im Urtext liest, die uns mit sinnigem Verständnis und tatkräftiger
Hand bei der beschwerlichen Sammelarbeit unterstützten.
Das letzte Märchen, das wir gesammelt haben, ist das Märchen von
der Kerze, dessen Eingang uns an das Polyphemmärchen erinnert; nur ist
an die Stelle des Widders die Ziege mit langen Haaren getreten, an die
der Junge sich klammert, um unter dem Bauche der Ziege aus dem Stalle
der Menschenfresserin gerettet zu werden; die drei Frauen, die in einem
Bette schlafen, aus einer Schüssel essen und in jeder Nacht in einen grossen
Keller voll hellbrennender Kerzen hinuntersteigen, bedeuten offenbar die
lebenspendenden und todbringenden Schicksalsgöttinnen.
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