Band: IX

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In Band IX liegen die Seitenzahlen zwischen I und 293.
VI Einleitung.
ist jene alte Weise, die von Volk zu Volk wandert und in der Fassung
des Magali - Liedes in Mireio wohl am bekanntesten geworden ist. Mit
dem Liebeslied berührt sich das bei den Engadinern so gepflegte Lied
vom Scheiden und Meiden; es schildert uns den tiefen Schmerz, den die
Trennung vom geliebten Tale bereitet. Wohl wenige Abschiedslieder
können sich an Tiefe der Empfindung und dichterischem Ausdruck mit
dem Liede vergleichen, in dem der Jüngling beim Morgengrauen von
jedem, der ihn sieht, Abschied nimmt und aus dem Geläute heraushört,
wie die Glocken alle mit ihm klagend klingen, mit ihm, der dann entschlossen
… seinen herben Schmerz hineinwirft in des Bergsees Tiefe. Ein
glücklicher Fund (Ms. Pont.) macht es uns möglich, den Einfluss des
italienischen Liebesliedes des 16. und 17. Jahrhunderts auf das ladinische
Volkslied zu verfolgen.
Ein Pflanzgarten des Volksliedes war die Spinnstube (tramelg); die
Spinnerinnen und die Burschen liebten es, ein Lied anzustimmen und
einmal angefangen, wurde das Füllhorn bekannter Volkslieder von der
sangesfrohen Dorfjugend mehr oder weniger ausgepflückt und wohl auch
gelegentlich bereichert. Wie sich Zeiten und Sitten, Trachten und Waffen
änderten, zeigten sich die Spuren der kulturellen Entwickelung auch an
den Liedern. Aber die Balladen, die besten Liebeslieder, die Spott- und
Rügelieder haben sich erhalten, seit den Tagen, wo Campell gegen sie
als schändliche Lieder eiferte. Gerade die ältesten Lieder finden sich in
allen rätoromanischen Mundarten, finden sich in fast gleichem Gewande
an den Quellen des Rheins wie im Engadin, was Gaston Paris in seiner
Besprechung der Sammlung von Flugi mit dem ihm eigenen divinatorischen
Blick richtig erkannt hat.
Es gab immer Männer und Frauen, meistens solche, die selbst neue
Worte und Weisen fanden, die eine grosse Anzahl von Gesängen aus dem
Gedächtnis vortragen konnten; auch die Blinden und Armen, die, Almosen
heischend, von Dorf zu Dorf zogen, waren häufig Träger und Verbreiter
der Lieder. Wenn das Volk öfter ein Lied, das ihm zu lang war, kürzte,
so wollten diese Sänger nicht selten die Lieder verlängern und ausschmücken,
nahmen auf ganz willkürliche Weise einzelne Strophen von einem Lied
in das andere herüber, ja verknüpften auf sinnlose Art Lied mit Lied.
Fragen wir nach dem Ursprung der Volkslieder, so finden wir nur
wenige Andeutungen. Während Ton und Haltung einiger Lieder auf
Frauengemüt und Frauenmund hinweisen, bekennt sich „ein junger
Mann, der Federn am Hute trägt“, „ein schmucker Bursche“, „einer
der imstande ist, über die ganze Welt dahinzuspringen“, als Verfasser eines
Liedes.
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