Band: II

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In Band II liegen die Seitenzahlen zwischen I und 1114 (RF).
III Florin Berther,
dem Freunde.
Dir widme ich diese Sammlung, weil ich glaube, dass Du das grösste
Anrecht darauf hast. Verband uns doch Jugendfreundschaft bereits damals,
… als der Gedanke, diese Denkmäler rätoromanischer Litteratur zu
sammeln, in mir erwachte und mit sorglicher Teilnahme hast Du dann allezeit
… die mühevolle Ausführung dieses Gedankens verfolgt. Wie häufig
hast Du mich den von alten Eschen beschatteten Weg zu dem abgelegenen
Berghofe begleitet, wo wir dem alten Mütterchen seine Märchen ablauschten,
wie oft mit mir Sonntagnachmittags Dich unter die Jugend gemischt,
die auf dem grünen Platz bei der bescheidenen Dorfkirche die alten
Lieder sang.
Eifrig hast Du mitgeholfen, das Interesse für unsere nationale
Eigenart, für romanischen Sang und romanische Sage bei Alt und Jung
zu wecken. Wenn heute diese Sammlung freudige Aufnahme und sinniges
Verständnis vorab bei den eigenen Volksgenossen findet, so danken wir
es der Arbeit von damals. Langsam, aber reichlicher als wir zu erwarten
wagten, ist, was wir in der Stille gesät, aufgegangen.
Es war aber auch höchste Zeit, ans Sammeln zu gehen, denn wie
manches Märchen und wie manches Lied wäre mit der alten Erzählerin
und dem greisen Sänger draussen im Dorffriedhof begraben worden. Der
Pfiff der langersehnten Eisenbahn wird für die duftigen Gebilde unserer
Volkspoesie das werden, was der Glockenklang für die nordischen Elfen.
Und doch bietet das hier Gesammelte für den Litterar- wie für den Kulturhistoriker
… wohl das beste Material, um die Rätoromanen kennen zu lernen,
sind ja Lied und Sage eines Volkes, wie ein geistvoller französischer
Denker sagt, das treueste Bild seiner Seele.
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